SAAZ ZUR ZEIT des „ACKERMANN“-DICHTERS

Auf dem Bergsporn über der Eger, wo heute die Brauerei steht, erhob sich einst die Saazer Burg. Zu Zeiten des „Ackermann“-Dichters wurde dort wahrscheinlich schon Bier gebraut.

Saaz gehört zu den ältesten Siedlungsplätzen Böhmens. Seit dem10. Jahrhundert stand hoch über der Eger eine slawische Burg. Doch gab es zu Zeiten des Stadtschreibers Johannes schon lange keinen Burggrafen mehr. Aus dem Marktflecken, der sich vor den Burgmauern gebildet hatte, war mit Förderung der böhmischen Herrscher eine Stadt geworden. König Otokar II. hatte die zahlreichen Privilegien von Saaz 1265 in einer einzigen Urkunde zusammengefasst. Spätestens seit diesem Jahr verwaltete Saaz sich selbst. An die Stelle des Burggrafen trat ein Richter, dem zwölf Geschworene zur Seite standen. Aus diesem Stadtgericht ent- wickelte sich im 14. Jahrhundert der Stadtrat mit einem Bürgermeister an der Spitze.

1004 wurde Saaz erstmals erwähnt. Der Chronist Thietmar berichtet in seiner Chronik, Kaiser Heinrich II. sei auf einem Polenfeldzug zur Burg Saaz (Satzi) gekommen, wo die Bewohner ihm die Tore öffneten, nachdem sie die polnischen Besatzer erschlagen hatten.

Als Johannes in jene „hübsche feste Stadt, wehrhaft auf einem Berge gelegen“, kam, als die er Saaz in seinem „Ackermann“ beschreibt, war der Stadtrat noch von Patriziern beherrscht, reichen Kaufleuten und Grundbesitzern, die meisten davon Deutsche. Die Deutschen spielten bei der Stadtwerdung von Saaz eine wichtige Rolle. Von den Königen als Kolonisten ins Land gerufen, sorgten sie mit ihrem Handels- und Gewerbefleiß für hohe Steueraufkommen. Einem Ratsprotokoll zufolge hatte schon 1268 eine Mehrheit der Saazer „Schöffen“ deutsche Namen. Als erster Saazer Bürgermeister ist 1348 Konrad Frankengrüner überliefert, das deutsche Wort burgermeister magister civium) erscheint erstmals 1377 in einem Privileg für Saaz von Kaiser Karl IV. als König von Böhmen.

Mittelalterliche Ansicht der Stadt Saaz 1494, vom Saazer Tischlermeister Felix Grund 1794 nach einer älteren Vorlage gezeichnet. Links die alte Burg mit vorgelagertem „Luginsland“ (Wachturm), rechts folgend das Priestertor, rechts dahinter die Dekanatskirche Mariä Himmelfahrt und schließlich das Rathaus.

Blickt man von 1400 in das Jahrhundert zurück, so war in Saaz  einiges geschehen. Der Burggraben war zugeschüttet, mittlerweile stand dort ein Rathaus. Die Stadtmauer war verstärkt worden. Sie reichte von der Burg bis knapp zur späteren Drehscheibe (heute Kruhové náměsti), wo das Prager Tor stand. 1336–1370 hatte man die Dekanatskirche Mariä Himmelfahrt vergrößert. 1386 war den Häusern am Marktplatz der Anbau von Lauben gestattet worden. Im Jahr darauf wurde eine Wasserleitung mit Pumpwerk von der Eger zum Wasserturm an der Burg gelegt, was vermuteten lässt, dass diese schon zu der Zeit bürgerlichen Zwecken diente, wahrscheinlich dem Bierbrauen. Noch vor der Jahrhundertwende begann man mit der Planung einer steinerne Egerbrücke.

In dieser Urkunde verleiht König Johann von Böhmen (1311–1346) dem Saazer Stadtrichter das Recht, eine Salzsteuer zugunsten der Gemeindekasse einzuführen (Quelle: „Žatec“, hg. Stadt Saaz).

Von den zwanzig Gewerben in Saaz waren die Tuchmacher mittlerweile das angesehenste, weil die Weberei zum Wohlstand der Stadt am meisten beitrug. Einen entscheidenden Anteil daran hatten die Händler, die das Tuch ballenweise exportierten oder als Meterware unter die Leute brachten. Der Handel lag in den Händen jener Familien, die auch den Stadtrat beherrschten. Sie verdienten am meisten mit dem Tuch, wenn sie es meterweise, also passend für den Schneider verkauften. Deshalb legten sie Wert darauf, dass ihnen dieses Vorrecht erhalten blieb.

In der Prager Vorstadt wurde ein „Silberschatz“ aus der Zeit um 1015/ 1020 ausgegraben Er besteht großteils aus Handelssilber in Barrenform. Da sich in der Nähe eine frühmittelalterliche Buntmetallschmiede befand, ist anzunehmen, dass die Teile der Weiterverarbeitung dienten.

Wie einflussreich die Tuchhändler („Tuchschneider“) waren, zeigt die Entstehung des Rathauses. Sein Bau wurde 1362 von der Tuchhändlergilde errichtet und diente anfangs als Kaufhaus mit Ständen, an denen ihre Mitglieder geschnittenes Tuch verkauften, den sogenannten „Tuchbänken“. Wenn das Gebäude, wie man vermuten kann, aus Stein war, stellte es eine Machtdemonstration dar. Denn wir müssen uns Saaz im 14. Jahrhundert überwiegend aus Holz gebaut vorstellen. Aus Stein waren außer der Burg nur Kirchen, Stadtmauern und vereinzelte Türme, die sich respektable Bürger wie der Stadtnotar Johannes von Saaz errichten durften. 1376 wird das Tucherhaus erstmals als Rathaus (praetorium) angesprochen. Zehn Jahre später residierte dann Johannes hier, vermutlich im ersten Stock über den Tuchbänken, neben dem Ratssaal.

Während  der Zeit von Johannes in Saaz ereigneten sich aber noch weit bewegendere Dinge. Die Handwerker, allen voran die Weber, drängten jetzt auf Mitsprache in der Stadtregierung. Wie die Patrizier organisierten sie sich dazu in Zünften, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Kennzeichnend für dieses Bewegung war der Tuchmacherstreit. 1360 forderten die Weber, ihr Tuch ebenfalls zugeschnitten verkaufen zu dürfen. Über dreißig Jahre hinweg wurde ihnen das von höchsten Stellen, auch vom König verwehrt. Aber sie standen nicht allein. Die anderen Gewerke wollten ebenfalls mitreden, verlangten mehr Rechte und nahmen sich diese auch. Daraufhin wurden 1387 alle Handwerkerzünfte verboten. Mit höchsten Strafen bedroht, gaben die Handwerker nicht auf und siegten am Ende. 1405 errangen sie die Mehrheit im Stadtrat. Der Mittelstand, zunehmend tschechisch geprägt, verdrängte den Stadtadel dauerhaft aus der Regierung.

Wappen von vier Saazer Ratsherren und dem Dekan Wyeczemyl (Viecemil) im Wappenbuch der Bruderschaft St. Christoph, die am Tiroler Arlbergpass ein Hospiz für Reisende in Not gestiftet hatte. Barmherzigkeit verband sich dabei mit Handelsinteressen. Neben dem Dekan sind die Saazer

Die Rebellion der Zünfte verlief parallel zu religiösen Unruhen, in denen es um eine Erneuerung des Christentums ging. Die Sprengkraft dieser messianischen Bewegung lag darin, dass sie von den unteren sozialen Schichten getragen wurde, zu denen die Handwerker und der niedere Klerus zählten. Die Obrigkeit schlug sich dabei auf die Gegenseite. In diesem Konflikt ging es nicht ohne Gewalt ab. Als ein damaliger Saazer Stadtschreiber einige Mitbürger der Ketzerei bezichtigte, wurden er und sein Sohn erschlagen. Im Gegenzug richtete man 1328 in Prag elf „Ketzer“ aus Saaz hin, darunter den Vikar der Dekanatskirche.

Die Reformation war früh willkommen in Saaz. Es gab hier wie an​dernorts eine tiefe Unzufriedenheit mit der Kirche. Man wünschte sich nicht nur eine Erneuerung der Spiritualität, sondern auch eine sozial gerechte Welt. In die Kritik gerieten dabei die Franziskaner, denen man vorwarf, ihr Armuts- ideal verraten zu haben. Einer der neuen Prediger, die man „Waldenser“ nannte, war Konrad von Waldhausen, Leitmeritzer Pfarrer und ehemaliger Beichtvater Kaiser Karls IV. Als dieser 1365 in der Saazer Dekanatskirche auftrat, versuchten die Franziskaner seine Predigt durch eine lautstarke Prozession mit Glockengeläut aus ihrer benachbarten Kirche zu stören. Der Konflikt zwischen Kirchenreformern und Mönchsorden in Saaz spitzte sich derart zu, dass das Franziskanerkloster 1410 in einem Aufruhr zerstört wurde. Als zwei Jahre später bei ablassfeindlichen Unruhen ein Geistlichen verbrannt und zwei andere in der Eger ertränkt wurden, hatte Stadtschreiber Johannes Saaz bereits verlassen.

Wir wissen nicht, wie Johannes zu diesen Ereignissen jeweils stand. Doch aus seinem Werk lässt sich schließen, dass er für reformatorische Gedanken aufgeschlossen war. Seine Kritik am Mönchtum, am veralteten Menschenbild und Glaubensverständnis der Amtskirche ist darin unüberhörbar. Er gehörte auch nicht zu jenem Stadt​adel, dessen Mitglieder die Stadt bald fluchtartig verließen. Vielmehr war er trotz seiner herausgehobenen Stellung Teil des deutschsprachigen Mittelstands, der in den folgenden Hussitenkriegen überwiegend auf Seiten der religiösen Rebellen kämpfte. Er hat den Machtwechsel in Saaz wahrscheinlich begrüßt. Sein Weggang 1411 war keine Flucht, sondern von einem überschwänglichen Empfehlungsschreiben des Stadtrats begleitet.

Archäologischer Keramikfunde aus der alten Burg von Saaz (Foto: Regionalmuseum Saaz), Kleines Siegel der Stadt Saaz, wie es Johannes von Saaz im Stadtbuch (Kopialbuch) beschreibt. König Wladislaw II. Přemysl (1102-1174) soll das Wappen den Saazern für ihre Tapferkeit bei der Eroberung Mailands verliehen haben (Fotoarchiv Dr. Kalckhoff), Romanisches Relief eines Herrscherbildes aus dem 11. Jahrhundert, ursprünglich Teil des Hauptportals der Saazer Stadtkirche (Quelle:Saazer Heimatmuseum, Georgensgmünd).

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