Einleitung

Andreas Kalckhoff

Der Ackermann und der Tod“ ist das deutsche Prosawerk des böhmischen Stadtschreibers und Humanisten Johannes von Saaz, das er um 1400 verfasst hat. Mit Aufkommen des Druckwesens wurde es einer der ersten großen Erfolge der „Schwarzen Kunst“. Anfang des 20. Jahrhunderts kam es zu seiner Neuentdeckung mit zahllosen Editionen, Kommentaren, Interpretationen und Übertragungen ins moderne Deutsch.

Was macht die Faszination des „Ackermann“ sechshundert Jahre nach seinem Entstehen aus, dass man ihm heute noch Vertonungen und szenische Aufführungen widmet? Es liegt zum einen an der intensiven Prosa dieses frühen neuhochdeutschen Stücks, der man sich kaum entziehen kann. Zum anderen ist es das Thema, das jeden Menschen etwas angeht: das Sterben, der Verlust geliebter Personen, die Unausweichlichkeit des Todes, seine Ungerechtigkeit, Schmerz und Wut angesichts der eigenen Ohnmacht.

Johannes von Saaz behandelt dieses Grundmotiv menschlicher Existenz in Form eines Dialogs zwischen dem Ackermann und dem Tod, der ihm seine junge Frau geraubt hat. Der Hinterbliebene klagte ihn dafür vor Gott an, verlangt von ihm „Genugtuung“ für seinen Verlust, verflucht ihn und fordert Gott auf, den Tod, den „Urfeind aller Welt“ aus der Schöpfung zu tilgen.

In diesem Streitgespräch geht es jedoch um mehr als um Leid und Trauer oder Einsicht in die Unabwendbarkeit des Todes. Der Ackermann steht für Leben, Wachstum und Ernährung und ist damit der programmatische Gegenspieler des Todes. Das wird an den Argumenten der beiden deutlich, die unterschiedliche Blicke auf die Welt und den Menschen offenbaren.

Der Tod vertritt einen stoischen Skeptizismus, wie ihn das Mittelalter lehrte. Die menschliche Natur betrachtet er allein unter dem Aspekt ihrer Fehlerhaftigkeit, wobei er es besonders auf das weibliche Geschlecht abgesehen hat. In Jugend und Schönheit sieht er nur ihre Vergänglichkeit, im Sterben die Gnade gegenüber den Plagen des Alters, die Auslöschung des Lebens unter dem Ethos der Gleichheit.

Der Ackermann dagegen lobt die Schönheit und Vollkommenheit des Menschen als Gottes Geschöpf. Er besteht darauf, mit Recht über sein unverschuldetes Leid zu klagen und sich nicht mit lebensferner Philosophie und billigen Trostsprüchen abspeisen zu lassen. Er verteidigt die Klugheit und Tugend der Frauen und die Freuden der Ehe.

Johannes von Saaz ist ein frühhumanistischer Dichter. Die Humanisten guckten den antiken Autoren vor allem Rhetorik und Poesie ab. Johannes von Saaz bezeichnet das Ackermannbüchlein, wie er sein Werk nannte, ausdrücklich als rhetorische Stilübung, womit er sich wohl in Bescheidenheit übte. Andererseits versteckte sich hinter der poetischen Fassade eine politischen Absicht. Er propagierte, wie alle Humanisten, eine neues Verständnis vom Menschen und seiner Würde in Freiheit von kirchlichen Bindungen.

Mit der neuen Poesie begann im 14. Jahrhundert, der Frührenaissance, eine neue Malkunst, die von der flächigen Bedeutungsmalerei der Gotik Abstand nahm. Auch ihr ging es jetzt um den Mensch und sein Dasein in der Welt, auch bei Motiven aus der biblische Geschichte. „Wo hätte je ein Werkmeister ein so geschicktes und kunstreiches Werkstück, eine so raffinierte kleine Kugel geschaffen wie ein Menschenhaupt?“ verteidigt der Ackermann Gott gegen die Herabwürdigung seines Geschöpfes durch den Tod. Die Renaissancemaler widmeten dem Porträt ihre besondere Aufmerksamkeit. Auch der menschliche Alltag, das Familienleben, die Ehefrauen waren es nun wert, dargestellt zu werden.

Demgegenüber schätzte das Mittelalter die Welt und den Menschen gering. Man glaubte, das wahre Leben begänne erst nach dem Tode. Doch wartete dort, nach den Predigten zu urteilen, eher die Hölle als der Himmel. Um diese zu vermeiden, sollte sich der Mensch durch Frömmigkeitsübungen auf das Sterbens vorbereiten. Für Humanisten hatte das Jenseits indes wenig Bedeutung.

Auch Johannes kann dem Tod keinen transzendenten Sinn abgewinnen. Er denkt ihn innerweltlich, wenn er den Tod als Notwendigkeit gegen Überbevölkerung vorstellt. Sein Ackermann hält es dagegen mit Platos Wiedergeburtslehre, der zufolge „des Himmels und der Erde Lauf nur eine ständige Umwandlung der ewigen Kräfte sei“. Auch darin haben Himmel und Hölle keinen Platz.

Während der Tod den Mensch verächtlich macht, besteht der Ackermann darauf, daß „der Mensch aller Kunst, Schönheit und Würde voll“ und „das allerachtbarste, das allergeschickteste und das allerfreieste Werkstück Gottes“ ist. Humanisten nach ihm bestätigten diese Behauptung. Dabei war man der Ansicht, dass Gottes Geschöpf sich selbst zum vollwertigen Menschen erziehen muss: durch das freie Studium der antiken Autoren und durch humanistischen Unterricht für Kinder und Erwachsene.

Um dabei eine breite Bildung zu ermöglichen, musste man in der Volkssprache schreiben und lateinische Texte übersetzen. Petrarca hatte dies in Italien vorgemacht. Johannes von Saaz wollte beweisen, dass man Rhetorik und Poesie auch in „dieser ungeschliffenen und rohen deutschen Umgangssprache (teutonico linguagio)“ pflegen konnte. So kam das Ackermannbüchlein in die Welt.


Mai 2022                                          Andreas Kalckhoff